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26.02.2015 Veröffentlichungsdatum: 26.02.2015
Auftaktveranstaltung des Arbeitskreises Asyl am 18. Februar 2015
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Bürgermeister Wolfgang Lahl begrüßte an diesem Abend etwa 60 Personen im Bürgersaal und brachte seine Freude darüber zum Ausdruck, dass sich so viele Menschen aus der Gemeinde für die Unterstützung Asyl suchender Menschen interessieren. Leider konnte an diesem Abend die Reutlinger Asylpfarrerin Angelika Sältzer nicht begrüßt werden, die am Vormittag ihre Teilnahme krankheitsbedingt absagen musste. Der Bürgermeister begrüßte jedoch den Sozialdezernenten im Landratsamt Böblingen, Herrn Alfred Schmid, in dessen Verantwortungsbereich die Betreuung von Asylbewerbern im Landkreis Böblingen fällt.
 
In seiner Begrüßung betonte der Bürgermeister, dass die Aufnahme Asyl suchender Menschen in der Gemeinde nicht nur eine besondere Aufgabe sei, sondern auch eine Chance. Die Integration dieser Menschen könne eine echte Bereicherung für das kommunale Leben sein. Der Bürgermeister stellte den anwesenden Gästen Herrn Dirk Gollnick vor, der als Leiter des Ordnungsamtes der Ansprechpartner für den Arbeitskreis Asyl in der Gemeindeverwaltung sein wird.

Die Auftaktveranstaltung war in zwei Teile gegliedert. Zunächst berichteten Sozialdezernent Alfred Schmid und die Gemeindeverwaltung über die Abläufe und Verfahren, wenn ein Asylantrag gestellt wird. Nach diesem Informationsteil sollte dann konkret über die Arbeitsweise und die Inhalte des geplanten Arbeitskreises Asyl diskutiert werden.

Sozialdezernent Alfred Schmid stellte an den Anfang seiner Erläuterungen, dass nicht alle Menschen wie wir in der glücklichen Situation sind, seit 70 Jahren in Frieden und Wohlstand leben zu können. Momentan seien weltweit über 50 Millionen Menschen auf der Flucht, die sowohl vor persönlichen Bedrohungen fliehen als auch von der wirtschaftlich perspektivlosen Situation in ihren Heimatländern. Für alle gelte jedoch, dass es im Regelfall eine sehr hohe Schwelle bedeute, die angestammte Heimat zu verlassen.

Nach einem kurzen Überblick über die Zuständigkeiten im Asylverfahren und über die Organisation der Asylbewerberunterbringung in den Bundesländern, den Landesaufnahmestellen und anschließend in den Gemeinden ging der Sozialdezernent auf die konkrete Situation im Landkreis Böblingen ein. Momentan unterhält der Landkreis in acht Kommunen 18 Gemeinschaftsunterkünfte, die zwischen 40 und 100 Personen beherbergen können. In diesen Gemeinschaftsunterkünften werden die Asylsuchenden hauptamtlich durch den Landkreis betreut und erhalten Geldleistungen auf unterem Hartz IV-Niveau. Von früher angewendeten Sachleistungen sind inzwischen alle Bundesländer abgerückt, so dass sich die asylsuchenden Menschen selber versorgen können.

Bei Kindern achtet der Landkreis darauf, dass diese frühzeitig in Kindertagestätten und Schulen betreut werden. Es gibt einige Vorbereitungsklassen, die das Ziel haben, diese Kinder schnell in Regelklassen unterrichten zu können.

Etwa 30 % der Antragsteller erhalten ein Bleiberecht in Deutschland, welches auch zeitlich befristet werden kann. Vor allem bei den Asylbewerbern aus den westlichen Balkanstaaten Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina, aus denen in den letzten Monaten sehr viele zu uns kamen, sind die Asylanträge jedoch meistens nicht von Erfolg beschieden. Diese Staaten gelten seit Januar 2015 als sichere Herkunftsstaaten. Die Umsetzung dieser geänderten Rechtslage ist momentan noch nicht in vollem Umfang möglich.

Positiv hob Sozialdezernent Schmid hervor, dass bereits in den Gemeinschaftsunterkünften viele Menschen ehrenamtliche Hilfe leisten und ihre Zeit und ihr Interesse zugunsten dieser oft isolierten und verunsicherten Menschen einbringen. Typische Beispiele seien die Hilfe bei Behördengängen oder Arztbesuchen. Ehrenamtliche hätten zudem wesentlich mehr Erfolg dabei, für asylsuchende Menschen Wohnraum auf dem freien Wohnungsmarkt zu finden, als es normalerweise den Behörden gelingt. So konnten in den letzten drei Monaten etwa 100 Familien in privaten Wohnraum vermittelt werden.

Mit dem Abschluss der Asylverfahren, spätestens jedoch nach 24 Monaten, wechseln die asylsuchenden Menschen von den Gemeinschaftsunterkünften der Landkreise in die sogenannte Anschlussunterbringung bei den Gemeinden. Im Unterschied zu der Zeit in den Gemeinschaftsunterkünften des Landkreises gibt es in den Gemeinden im Regelfall keine hauptamtliche Sozialarbeit, wobei viele der Menschen dies auch nicht mehr benötigen. Wichtig für die Integration sei aber nach wie vor, die Kenntnisse der deutschen Sprache zu verbessern. Ehrenamtlich abgehaltene Sprachkurse und vor allem die konkrete Anwendung der deutschen Sprache seien dabei ein wichtiger Aspekt.

Bei der Unterstützung dieser Menschen sei es jedoch notwendig, einige Grenzen zu kennen und einzuhalten. So warnte der Sozialsozialdezernent davor, dass Ehrenamtliche sich in Rechtsberatungen engagieren und dadurch eventuell falsche Hoffnungen wecken. Eine wichtige Frage sei auch, ob die Unterstützung durch Ehrenamtliche von den asylsuchenden Menschen überhaupt gewünscht wird. Mit laufender Zeit in Deutschland können sehr viele Asylbewerber und Asylbewerberinnen zunehmend für sich selbst sorgen und werden selbstständig.

Zusammenfassend schlug Sozialdezernent Alfred Schmid vor, mit den in den Gemeinden untergebrachten asylsuchenden Menschen ins Gespräch zu kommen, Hilfe aber nicht aufzudrängen. Meistens ergäbe sich aus dem persönlichen Gespräch recht schnell, wo Unterstützung durch Ehrenamtliche sinnvoll und notwendig ist.

Zum Abschluss betonte der Sozialdezernent nochmals, dass unser hiesiges Leben in Frieden und überwiegend im Wohlstand aus seiner Sicht eine gute Motivation darstelle, Menschen zu helfen, die nicht dieses Glück haben. Er erinnerte daran, wie im Nachkriegsdeutschland im damaligen Kreis Böblingen mit 150.000 Einwohnern 26.000 Flüchtlinge untergebracht werden mussten und auch wurden. Bei den hier angekommenen Menschen hätten viele das Ziel, selber für sich sorgen zu können und sich eine selbstständige Existenz aufzubauen. Eines der wichtigsten Themen sei es deshalb, Sprachprobleme zu vermeiden und Kontakte in Betriebe zu vermitteln. Oft hätten Praktika schon dazu geführt, später bei diesem Betrieb oder bei einem anderen Betrieb eine Anstellung zu finden und so durch eigene Arbeit den Lebensunterhalt zu verdienen.

Und letztlich, so der Sozialdezernent, böten die zu uns kommenden Menschen auch die Chance, der demographischen Entwicklung unserer Gesellschaft entgegen zu steuern.

Die anschließende Fragerunde griff Themen auf wie die Finanzierung von Mietwohnungen durch den Landkreis, die Organisation und Auslastung von Deutschkursen bei den Volkshochschulen und die insgesamt betrachtete Anerkennungsquote in den Asylverfahren.

Anschließend erläuterte Herr Gollnick von der Gemeindeverwaltung den momentanen Stand in Weil im Schönbuch und berichtete, dass kürzlich eine dreiköpfige Familie aus dem Iran und drei Männer aus Sri Lanka aufgenommen wurden. Die Gemeindeverwaltung geht davon aus, im zweiten Quartal 2015 ebenso viele Menschen aufzunehmen und rechnet für das Jahr 2015 insgesamt mit 15 bis 20 Personen.

Nach einer kurzen Pause befasste sich der zweite Teil des Abends mit dem konkreten Aufbau eines Arbeitskreises Asyl und den Aufgaben, die die Anwesenden übernehmen wollen.

Ziel sei es, so die Gemeindeverwaltung, eine selbstständige Grundorganisation zu bilden, deren Sprecher den Kontakt mit der Gemeindeverwaltung halten. Aus Sicht der Gemeindeverwaltung benötigen Familien am ehesten Hilfe und Unterstützung, wobei sich aus den Erfahrungen in anderen Gemeinden und auch aus der kirchlichen Arbeit gezeigt hat, dass nicht alles Leistbare auch abgerufen werde. Es gehe auch darum, jetzt nicht einen falschen Eindruck von der Unterstützung durch Ehrenamtliche zu erwecken, der zwangsläufig enttäuscht wird, wenn diese Menschen später auf eigenen Beinen stehen.

Ergänzend berichtete Herr Dietmar Kaschmieder über die Erfahrungen mit der Unterbringung und Betreuung einer siebenköpfigen Familie in Breitenstein, die im Dezember in privaten Wohnraum zugezogen ist. Neben der sprachlichen Unterstützung sei viel Zeit erforderlich, um diese Menschen an das tägliche Leben und unsere Gepflogenheiten heranzuführen. Ein wichtiger Aspekt sei die Unterstützung bei Behördengängen, denn der zum Beispiel alle drei Monate abzugebende Fragebogen für die gesamte Familie umfasse alleine mehrere Seiten in bestem Behördendeutsch.

Wichtig war Herrn Kaschmieder und den weiteren Mitgliedern der Gruppe, die die Breitensteiner Familie unterstützt, dass auch diese Menschen bei der Planung von Sprachkursen und anderen Hilfsangeboten einbezogen und unterstützt werden, auch wenn diese nicht zu der Personengruppe gehören, die die Gemeinde unterzubringen hat.

Im Anschluss brachte eine ganze Reihe der Anwesenden vor, was sie zur Unterstützung der zu uns kommenden Menschen im Asylverfahren einbringen können. Dies reichte von Sprachunterricht in Deutsch über die Hausaufgabenbetreuung von Kindern und die Begleitung bei Behördengängen bis zur Unterstützung bei der Suche nach Praktikums- oder Arbeitsstellen.

Als erstes Ergebnis des Abends trugen sich bereits zehn Personen als Interessenten für den aufzubauenden Arbeitskreis Asyl ein, der sich bereits am Montag dieser Woche das nächste Mal traf, um die nächsten Schritte zur Organisation und die konkreten Hilfemaßnahmen zu besprechen und weitere Interessierte aufzunehmen.

Zum Abschluss des Abends dankte der Bürgermeister allen Gästen des Abends und allen, die sich im Arbeitskreis Asyl engagieren wollen, herzlich für ihre Unterstützung. Der Gemeinde, so der Bürgermeister, seien in der sozialen Betreuung auch mangels eigenem Personals Grenzen gesetzt. Jedoch sei es keine Frage, dass die Gemeinde den Arbeitskreis durch die Überlassung von Räumen und durch organisatorische Rahmenbedingungen unterstützen wird.

Bei dem Folgetermin am darauffolgenden Montag war der Kreis der an einer konkreten Mitwirkung mit 20 Personen erfreulich groß. An diesem Abend wurden die ersten konkreten Schritte vereinbart mit dem Ziel, zunächst im konkreten Gespräch zu erfragen, ob und in welchem Umfang von den Flüchtlingen und Asylbewerbern in unserer Gemeinde Unterstützung durch den Arbeitskreis Asyl gewollt wird.

 
 
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